BALL & BUCH

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Die PASSredaktion empfiehlt - Fußballlektüre übers Jahr


 

Kleiner Fußball ganz groß

 

Ein phantastisch schöner Bildband über nichts weniger als das Wesen des Fußball-Spiels

Von Stefan Erhardt

Bücher wie dieses sind rar geworden – zum Leidwesen von Menschen wie mir, die gerne Bilder auf Papier betrachten, da ihnen eine ganz andere Qualität eignet als auf einem Computermonitor oder gar dem Display eines Mobiltelefons. Bildbände also, die schon dadurch, dass sie Bilder in Buchform zusammensammeln, eine Auswahl aus der piktorialen Wahnsinnsflut treffen, mit der heutzutage jede und jeder tagtäglich überspült wird. Bilder, die allein schon dadurch, dass sie Teil dieser Flut sind, ihre Bedeutung verlieren, weil sie nicht mehr wahrgenommen werden, weil einem die Zeit, sie aus dem Strom herauszufischen, schlichtweg fehlt. Weil die Durchschnittlichkeit, zurückhaltend ausgedrückt, der Bilder im Bilderstrom unsere Augen trüben, so dass letztendlich das Bild als solches zur Deko, zur Tapete, zum allenfalls schmückenden Beiwerk verkommt. Oft aber gar nur noch ausgeblendet wird. Das Zuviel unserer ‚Zuvielisation‘, so scheint es, konterkariert den Gewinn an neuen Möglichkeiten und wertet am Ende alle ab.

Umso verdienstvoller ist das Programm der BildfreundInnen im Verlag „Spielmacher“ aus Mannheim. Die Publikationen sind nicht zahlreich, aber umso sorgfältiger: da wird großer Wert gelegt auf gutes Papier, auf Fadenheftung, auf farbliche Brillanz – Kunsteditionen, nicht mehr und nicht weniger. Dass der Verlag quasi als Credo „Schöne Fußballbücher“ im Nachnamen trägt, ist nur konsequent und in aller Bescheidenheit genau dies: man möchte die Kunst der Fotografie, des Bildes, der Bildkomposition und der Bildaussage, bewahren und propagieren, soweit dies in der unübersichtlichen Warenwelt möglich ist. Siehe oben.

Die neueste Rettungstat ist ein Buch mit Fotoarbeiten von Caio Vilela, einem 1970 in Brasilien geborenen Geografen, Journalisten, Fotografen, Tourenguide und Fernsehtechniker (auf diese Reihenfolge legt er Wert). Auf seiner Reise durch über 100 Länder sind es nicht die großen Stadien gewesen, die ihn in den Bann gezogen haben, er hat seine Kamera auf die kleinen und kleinsten Spielplätze gerichtet: auf die Ecke eines Parks, eine Gasse, einen Hinterhof. Er nennt seine Sammlung – es sind über 200 Fotografien durchgängig in bestechenden Farben – „Straßenfußball“ und meint damit eben jenen im Gegensatz zum Vereinsfußball, zum bezahlten, von Verbänden organisierten, zum Ligafußball. Wobei Straßen nicht nur Straßen sind: es sind alle möglichen (im Sinne von „für ein Spiel in Frage kommenden“) und unmöglichen Orte, die von Spielenden im Moment des Spielens besetzt und damit aus der Welt, aus dem Weltgeschehen enthoben werden, um ganz dem Spiel und nur dem Spielen zu dienen.

Diesen Geist, diese Atmosphäre hat Vilela in allen seinen Bildern auf grandiose Art und Weise eingefangen. Die Spiel-Orte sind Orte mit ganz eigener Faszination, sei es aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer Geschichte um sie herum, sei es aufgrund ihrer Singularität – ein Spielort mag nach dem Spiel und nach der fotografischen Aufzeichnung wenig später schon nicht mehr existieren.

Überhaupt stehen Vilelas Motive nie für sich, sie sind stets in eine Gemeinschaft, eine bestimmte Gesellschaft eingebettet oder an sie angebunden; das mögen die Spieler sein, die in León (Nicaragua) geradewegs in die revolutionäre Historie hineinzulaufen scheinen (s. Rubrik KUNSTSCHUSS in diesem Heft); das zeigen etwa auch die zwölf Männer auf einem Betonplatz in Bangkok (Thailand), die wie Gnome unter den mächtigen Autobahnbrücken – Sinnbild für immerfließende Ströme an Waren und Arbeitenden – der Funktionsgebundenheit des Menschen trotzen. Oder es sind Ad-hoc-Gesellschaften, Menschen, die sich zu einem Spiel gesellen, allein dadurch, dass sie einen Ball zur Verfügung haben und sich einen Ort, wie ‚unmöglich‘ auch immer, für eine bestimmte Zeit zu eigen machen.

Denn es braucht nicht viel: zwei Badelatschen als Torpfosten, ein paar Linien im Sand, ein Flussufer, ein Schlammloch. Der Ball stiftet die Gemeinschaft, er kommt ins Spiel, er zieht in den Bann. Dies hat Vilela kunstvoll auf Speicherkarte und Papier gebannt.

Seine Bilder bieten Gelegenheiten für Reisen, für Augen-Spiele: Wo ist hier das Tor? Wohin geht der Pass? Wer gehört zu welchem Team? Oder auch: Wer holt den Ball, wenn er den Berg herunterrollt? Auch die Nebenschauplätze verleiten zum Spinnen von Nebengeschichten: Was macht die fegende Frau? Worüber unterhalten sich die am Spielfeldrand? Letztlich auch (wenn man die Bildunterschriften abdeckt): In welchem Land spielt das? Man möchte vor Ort sein, man möchte diese Spielplätze selbst entdecken, man möchte von einer Sekunde auf die andere schlicht mitspielen – das geben die Bilder Vilelas dem Betrachter, und das sind Qualitäten, die seine Bilder ihre mächtige Wirkung verleihen und sie zu herausragenden machen.

Vilela sagt selbst über seine „Weltreise in Bildern“: „Fußball geschieht. Auf der ganzen Welt, jeden Tag, überall, zu jeder Zeit. Er sucht sich seine Spieler nicht nach Alter, Klassenzugehörigkeit, Religion, Kultur oder Können aus. Spieler oder Zuschauer. Fluchend oder jubelnd. Herausragend oder mogelnd – die Möglichkeiten, an diesem Spiel teilzuhaben, sind endlos.“ Und er beschwört den Moment, DEN Moment, der oftmals als Resultat des Zufalls, das Wesen gerade DIESES einzelnen Spiels, DIESER einzelnen Spieler an genau DIESEM Ort einfängt. „Ich sehe Fußball als Kunstform, seine improvisierten Spielfelder als Tempel“ formuliert er sein Credo, das sich mit dem der „Spielmacher“ deckt.

Mit „Straßenfußball“ ist ihm und dem Verlag ein Buch gelungen, das den kleinen Fußball feiert, seiner Kunst huldigt, mehr noch: ihm einen Tempel aus Papier errichtet, in dem nichts weniger als das friedliche und fröhliche Wesen des Fußball-Spiels stets aufs Neue zum Vorschein kommt. Für dieses wunderschöne Buch kann man dem Verlag nur dankbar sein.

Caio Vilela: STRASSENFUSSBALL. Eine Weltreise in Bildern. Mannheim: Spielmacher in der Edition Panorama, 2015. 34,80 €. [s.a. www.schöne-fußballbücher.de]

 


 

Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit: Leistungssport und Religiosität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine „Ketzerschrift“ will es sein, das neue Buch des Sporthistorikers Peter Kühnst, eine Streitschrift wider den omnipräsenten Körperkult des Leistungssports, wider den extremen Olympismus, und das ist es in Länge und Breite. Wobei dieser einleitende Satz schon nicht stimmt: denn „Tempel der Körper“ will nicht so sehr streiten, als dass es Fragen stellt, Fragen aufwirft, das Im-Kern-Fragliche am Sportgebaren vor die Kulissen des Sports schiebt, um die Augen zu öffnen (und den Verstand gleich mit dazu) für das, was dem Autor mindestens zweifelhaft, wenn nicht im Grunde frevelhaft und letztlich überflüssig scheint.

Kühnsts Buch erscheint gerade zur rechten Zeit, da der omnipräsente sakrosankte Sport diesmal im Segment Fußball von Enthüllungen fragwürdiger Methoden zur Leistungssteigerung und damit zum Betrug erschüttert wird, zu einer Zeit, da er immer offensichtlicher als Vehikel für Machtstreben und Finanzakkumulation gebraucht wird, zu einer Zeit, da der sogenannte Extremsport unbeschadet jeglichen Alters massenhaft Zulauf erhält. Oder, wie es Dieter Bott vor Jahrzehnten bereits anprangerte: zu einer Zeit, da die „Sportifizierung der Gesellschaft“ in vollem Gange sich befindet.

Die Frage der Fragen lautet für Kühnst: Was steckt hinter jenen Aktivitäten, denen sich Menschen aus freiem Willen unterwerfen, die sie zu Sklaven willkürlich festgelegter Bewegungen machen, sie fixieren, fesseln, geißeln, physisch wie psychisch schädigen? Machen wir da, im Sport, also etwas, das wir gar nicht brauchen?

Dies ruht auf seiner These, dass Sport und Religion in ihrem jeweiligen Kultcharakter nicht nur hier und da formale Berührungspunkte aufweisen, sondern dass es eine weitaus innigere, gehaltliche und ideologisch gerichtete Schnittmenge gibt, an Inszenierungsformen und Auftrittsorten, an Dominanz und Unterwerfung, an Sehnsucht und Pseudo-Erfüllung, von kindlicher Individual-Phantasie und massenhafter Übertragung, wie es gerade die Kirchen als Grundstock ihres Heilszelebrierens pflegen.

Die Transzendenz der individuellen Bedeutungslosigkeit, das ist das Geschäft der Religionen, aber auch des Sports. Was den Religionen ihre Gotteshäuser, sind dem Sport seine Stadien. Diese nutzen die Sehnsucht nach Außergewöhnlichem, nach Hoffnung und Erlösung, indem sie „dem Rahmen für das ‚Göttliche‘ Raum und Platz geben.“ Es sind Tempel, Tempel der Körper, in denen der „Kult des Fleisches“, so Kühnst zweites Kapitel, in Spielen allein, zu zweit oder mit bestimmten Gerätschaften stattfindet, die – wie er es nennt – „religiöse Komik eines athletischen Kultes mit unserem Körper“.

Dabei hat dieser Sport-Kult  im Laufe der Menschheitsgeschichte den Glaubens-Kult überflügelt, wenn nicht gar ersetzt: „Letztlich wurde Sport der bewusste, vor allem aber der unbewusste Glaube an eine moderne Form von Gottheit, die als Leistung und Rekord verstehbar wird.“ Dass bei einem solch körperzentrierten Kult ein gehörig Maß an Exhibitionismus bzw. Pornographie geboten ist, zeigt Kühnst nicht nur an den in den allermeisten Sportarten gegebenen obszön anmutenden Outfits und oftmals frivolen Posen: diese Darstellungsformen hat es in der Sakralkunst in veränderter Form bereits auch gegeben, wie Kühnst an der Ikonografie kirchlicher Darstellungen etwa der Geburt Jesu zeigt und mit reichlich Bildmaterial belegt.

„Sport und Spiel sind immer auch verschlüsselter Exhibitionismus, eine lüsterne Projektion verfremdeter Triebe und sexueller Lust in sakralen Kulissen.“ Man braucht nicht einmal an Vorschläge zu denken wie den, dass den Beachvolleyballerinnen (oder -ballerinen?) knappere Höschen vom IOC vorgeschrieben werden sollten; es gab schon immer die Parallelität von Eros und Athletik, und sei es im Verbot, es gab die omertà cattolica und die omertà gymnastica – soll heißen: auch wenn diese Verbindung lange Zeit verheimlicht und versteckt, dementiert wurde, so hat sich heutzutage der Sport als „fleischlich gelebte Religion“ ganz augenscheinlich und offensichtlich zu erkennen gegeben.

Neben dieser pornografisch-kirchlichen Komponente konstatiert Kühnst das Element des Kriegerischen. Nicht von ungefähr haben sich totalitäre Systeme seit je her der Formen von Kriegsspielen und Ordnungsübungen meist gymnastischer Art bedient, um später im antidemokratischen Alltag eben diese Gewaltbereitschaft manipulativ zu nutzen. Natürlich bzw. natürlicher Weise gibt es Gewalt auch ohne politisches Zutun, „Miniaturen von Kriegen“, wie Kühnst es nennt, die auch den „Kult Sport“ immer wieder mit Ausbrüchen von Hass und Totschlag weltweit durchziehen – er erinnert in diesem Zusammenhang an unrühmliche Aktionen von Fanatikern, die 2012 die Mannschaft des 1. FC bedrohten mit „Wenn ihr absteigt schlagen wir euch tot“ oder vier Jahre zuvor elf Gräber für die Spieler von Dynamo Dresden aushoben (ein teuflischer, in dem Sinne auch religiöser Akt).

Diese Passage erinnert – fatal, könnte man hinzufügen – allerdings weniger an Religiosität, als an etwas anthropologisch Elementares. Selbst einer der letzten positiven Utopisten, Ernest Callenbach, musste dies in seinem durch und durch friedfertigen Gesellschaftsentwurf eines „Ökotopia“ konstatieren. Dort skizzierte er die sogenannten „war games“, Kriegsspiele auf freiwilliger (und mutwilliger) Basis, durch die Männer wie auch Frauen eben jener Elementargewalt freien Lauf lassen, sie abreagieren konnten. Sind bestimmte Formen des Leistungssports heute also in den Worten Kühnsts ein „Biotop der Verwilderung des Menschen“?

Wenn man an Rugbyspiele oder Boxkämpfe denkt, kommt man nicht umhin, dem Autor zu folgen und von einer „Athletik oder Agonistik, von einem Kult der ‚Verfleischlichung‘, die körperliche Verstümmelung und sinnentstellte Grausamkeit am Menschen hinnnimmt und zulässt“ zu sprechen. Point taken. Denn bisher hat noch niemand ein probates Mittel gefunden gegen jenes element of crime, das nicht nur von Fans, sondern auch – man denke hier auch und gerade an Fußball – von Spielern konstant an den Tag gelegt wird.

Dass hiervon ganze Geschäftszweige profitieren, erwähnt Kühnst nur am Rande: aber auch hier stellt er Fragen, deren Beantwortung dringend geboten wäre, zumindest, wenn man nicht nur am Gestus, sondern am Geist der Aufklärung festhalten möchte. Fragen wie: „Wieso gibt es keine populären Erhebungen zu den körperlichen und geistigen Spätfolgen des Leistungs-Sports?“, die sich nicht nur die pharmazeutische Industrie, sondern auch die Sportmedizin gefallen lassen muss. Siehe Doping.

Die Beweisführung geht weiter. Zur Ikonografie des Körperkults gehören entsprechende Kult-Stätten. Kühnst spricht von den „Kulissen der Architektur“, von Orten, die aufgrund ihrer Theatralik, ihrer Monstrosität und Gigantomanie Sakralbauten und -räumen in nichts nachstehen. Hier das weitläufige Kirchenschiff, dort die kathedralenhafte Sporthalle; hier der Altar, dort das Siegertreppchen. Nicht umsonst wird inzwischen jenen Sportstätten mit der Bezeichnung „Dome“ auch sprachlich ihre wahre Funktion zugewiesen.

Spätestens hier liefern die von Kühnst zusammen- und einander gegenübergestellten Fotos augenfällige Beweise; gewissermaßen schlagende Beweise, denn es bedarf kaum der verbalen Erläuterung, um die Übereinstimmungen von Kölner Dom und Millennium Dome zu begreifen.

Zu den Körperkultorten kommen die Kult-Inszenierungen, zunächst vor allem bei Olympischen Spielen maximiert, mittlerweile bei jeder größeren Sportveranstaltung fester Bestandteil: ohne Feuerwerk, Lichterzauber und Lasershow kann heutzutage keine „religio athletae“ mehr vor den Augen der zahlenden und huldigenden Zuschauer bestehen; die „individuellen wie kollektiven Liturgien“, so Kühnst, befördern mehr und mehr das „Staunen und die Bewunderung, sind der Untergrund des Religiösen.“

Mit einem Exkurs über die Tempelhoheiten, die Priester-Funktionäre und Würdenträger des Sport-Kults, die Blatters, Rogges, Bachs und Moustafas, im Vergleich neben die Hohepriester der Religion, Päpste und Kardinäle, gesetzt, schließt Kühnst den Rahmen seiner Betrachtungen mit konsequent geäußerten Zweifeln an der generellen Sinnhaftigkeit des Sports. Es ist zugleich auch die Frage nach der Sinngebung der Moderne, nach dem Sinn, den der sogenannte moderne Mensch seinem Leben glaubt geben zu müssen, einem konstanten und konstant erneuerten Streben nach Leistung, nach einem Schneller-Höher-Weiter, das mit der Vernunft in keinem Einklang steht.

Kühnsts Buch bietet eine Überfülle an überfälligen existentiellen Fragen, Fragen zur Dichotomie von Prophanem und Religösem, von Fleisch und Geist, von passio und pax im Sinne eines Selbstzufriedenheitsstrebens nach außen wie nach innen.

Antworten möchte er keine geben, das ist nicht sein Bestreben. So hätte es des leichten ketzerischen Abschwungs in Form eines Eugen-Drewermann-Zitats am Ende gar nicht bedurft, mit dem als Alternative zum Leistungs-Sport das Ideal der contemplatio gepriesen wird – klingt es doch sehr nach jenem Bonmot von Blaise Pascal, nach dem das ganze Unglück der Menschen allein daher rühre, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Anstoß ist sein sehr dicht geschriebenes Buch allemal, Anstoß nämlich, sich über seine Thesen hinaus zu überlegen, warum Der Mensch dieses oder jenes ohne Not tut; über die Stellvertreterfunktion von Sport und Religion sich klar zu werden, über die Existenzialistik des Sich-Spürens, den Hedonismus eines gott-losen Daseins, über das atlantische Streben eines Die-Welt-aus-den-Angeln-heben-Wollens, und sei es auch nur für den kürzesten Moment; über Sport als Ausdehnung eines evolutionären Übens für den Ernstfall des Überleben-Müssens; über die Kanalisierung des menschlichen wie auch tierischen Spieltriebs über Religion bzw. Sport, hin zu Kontrollier- und Sanktionierbarkeit; damit einhergehend über das kleinere Gemeinschaft ermöglichende Übel, anstelle von unkontrollierter Aggression aller gegen alle doch lieber regulierte Boxkämpfe oder so etwas Sinnfreies wie Curling zu setzen; über eine andere Auslegung des Worts religio – als ein Sich-auf-sich-selbst-Beziehen(-Können) – in einer leistungsfetischierten Gesellschaft, in der das Individuum zwar nach außen hin stets propagiert wird, nach innen hin aber der Masse untergeordnet werden soll (man vergleiche allein nur den Run [sic!] auf sog. Firmenläufe und das Hosianna des Marathonlaufs).

Auch wenn es nichts ändern wird: nützen könnte es schon; vielleicht tut, wer Kühnst studiert, und studieren sollte man ihn, nicht bloß lesen, einen kleinen Schritt und hilft dazu, die Aufklärung nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. (se)

Peter Kühnst: Tempel der Körper. Eine Ketzerschrift. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2015. € 24,90

 

dazu empfohlen:

Peter Kühnst (Hg.): Naked Champions. Der sportliche Akt in der Fotografie. Zürich: proof, 2004 (nur noch antiquarisch zu erwerben)

Eugen König/Ronald Lutz: Bewegungskulturen. Ansätze zu einer kritischen Anthropologie des Körpers. (Reihe Sport – Spiele – Kämpfe Bd. 3) St. Augustin: Academia Verlag, 1995


 

Fußballkiller

Es beginnt mythisch und kryptisch: ein Zwillingspaar irgendwo in Brasilien, abseits der Zivilisation, sie als Ballkünstler zu bezeichnen wäre weit untertrieben, der eine ein Torezauberer, der andere ein Abwehrtitan, beide mit magischen Kräften, beide werden von einem Unbekannten in die Welt entführt, in die Welt des Profifußballs.

Soweit der Vorspann. Beginn erster Akt: verlassener, unverstandener, melancholischer, abgebrannter – nein: nicht Privatdetektiv, sondern Rechtsanwalt, brütet in der Hitze des Sommers über sein trauriges Schicksal. Und das seines Herzensklubs, der ähnlich darniederliegt. Bis ein Anruf sein Leben schlagartig verändert: Er soll, als des Portugiesischen Mächtiger, dem Klub helfen, den Transfer eines brasilianischen Wunderstürmers über die Bühne zu bringen. Mangels anderer Aufträge sagt er zu, nicht aber ohne vorher einen Bekannten um indirekte Hilfe gebeten zu haben – einen Spielerberater, der als der „Pate“ trotz Rollstuhls und Alters groß im Geschäft sein soll.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Zunächst findet sich eine Leiche, die Mordkommission ermittelt, seinem Anwaltspendant vom Fußballklub wird mit dem Tod gedroht, und Bruno Bollmann, so der Protagonist, gerät mehr und mehr in einen Strudel von zwielichtigen Geschäften – vor allem von Wetten, die im ganz großen Stil von den Wettmafias dieser Welt getätigt werden, Wetten, zu deren Gelingen die Handlanger der Bosse Menschen und vor allem Spieler manipulieren, bisweilen massakrieren, Wetten, bei denen Millionen und Abermillionen umgesetzt werden.

Das alles verwickelt und verwirrt sich, spitzt sich zu und gipfelt in einem äußerst blutigen Ende, das man sich so, wie es geschildert wird, gar nicht ausmalen möchte, das man vielleicht auch nur in seiner ganzen irrsinnigen Tiefe verstehen kann, wenn man Brasiliens Hinterland kennt, denn dort spielt sich der Showdown ab. Es ist ein Blutrausch, der in bester Tarrantino-Manier dem marlowschen Bruno alles abverlangt.

Werner Geismar ist als Krimiautor bekannt; er hat viele Stories im Kölner Milieu angesiedelt. Dort spielt auch sein neuestes Werk „Tödliches Endspiel“, was aber abgesehen von ein wenig Lokalkolorit keine Rolle spielt. Die Handlung könnte sich so oder ähnlich auch in anderen Orten zutragen, an denen es Profifußball gibt. Und das ist das Erschreckende an diesem Buch: bei alle krimitechnischer Fiktionalität – das Hauptmotiv Wettmanipulation ist aktueller denn je.

„Ein spannender Krimi aus den blutigen Eingeweiden des Fußballs, der dessen dunkle Seiten offenlegt“ – so martialisch wirbt der Klappentext des Gardez!-Verlags. Auch wenn es noch nicht soweit ist, dass die Wettmafia die Fußballstadien mit Leichen pflastert, so stimmt die generelle Tendenz: mit Hilfe des Internet werden weltweit in Sekundenbruchteilen heutzutage die absurdesten Wetten abgeschlossen (Quote 7:1 darauf, dass in der 89. Minute für Team A ein Eckball gegeben wird) – es wird weltweit gezockt, wie es in anderen Bereichen unseres Wirtschaftslebens schon länger üblich ist: „Jeden Morgen machen die europäischen Banken allein dadurch zwei Milliarden Euro, indem ihre Computer eine Hunderttausendstelsekunde schneller an einen Server ihre Käufe abschließen als die Computer der Konkurrenz!“ relativiert der „Pate“ in einer Szene denn auch grammatisch etwas ungelenk die Kritik an seinen Wettaktivitäten.

Das ist eine der Stärken des Buchs: es nimmt sich eines aktuell sehr ernsten Themas an. Die Fans kommen hier im Profimafiafußball nur noch am Rande vor, als Handlanger der Kriminellen, als Kiebitze im Rentneralter, als ein Haufen Ahnungsloser, Glückloser und Desillusionierter, denen das Spektakel im Stadion bestenfalls Ersatzerfolg, Ersatzerlösung sein kann. Oder als Aggressionsableiter dient. Auf die Frage des Anwalts, was dieser Wettirrsinn noch mit Fußball zu tun habe, zeigt der „Pate“ wortlos auf die Nordkurve des Stadions. „Dort hatten sich hinter einem Zaun die gegnerischen Ultra-Fans zusammengerottet, rissen am Gitter und warfen irgendwelche Gegenstände herüber. Im Abstand von zwanzig Metern standen ihnen die Ultras des FC, nur durch den Zaun von ihnen getrennt, gegenüber und skandierten ihre Beschimpfungen. Beide Fan-Gruppen zeigten null Interesse am Fortgang des Spiels.“

Eine andere Stärke sind die handelnden Personen. Auch wenn sie mitunter stark überzeichnet erscheinen – gerade das zieht in den Lesebann; ihre scharfen Ecken und Kanten lassen sie sofort lebendig werden, ihre Aktionen und Motive sind plausibel, die Irrungen und Wirrungen nachvollziehbar und doch immer wieder überraschend, vor allem, wenn es an die Lösung des Knotens geht.

Geismar hat eine gelungene Mischung aus Klüngel-Kleinmilieu (insofern in Köln hervorragend angesiedelt) und globalem Verbrechen gefunden, aus – cineastisch gesprochen – „Bang Boom Bang“ und „Pulp Fiction“. Zu hoffen bleibt, dass das Ausmaß an mafiöser Unterwanderung des Fußballs in der Realität nie eine solche Größenordnung erreicht. Interessanterweise ist es der „Pate“ selbst, der – stellvertretend für den Autor? – uns Anhängern dieser angeblich wichtigsten Nebensache der Welt Mut macht, wenn er sagt: „Das Spiel ist stärker als alle, die es kaputtmachen wollen. Es wird alle diese Beutelschneider, Betrüger und Manipulierer überleben.“ Sein Wort in Blatters Gehörgang.

Werner Geismar: Tödliches Endspiel. Brasilianischer Doppelpass beim FC. Remscheid: Gardez! Verlag, 2014. € 11,90.

Mehr Informationen zum GARDEZ! Verlag...


 

 Alles, was ein WM-Buch braucht.

Die Sportredaktion der Süddeutschen hat geklotzt und den opulentesten Bildband des Turniers mit über 430 Seiten auf den Gabentisch gelegt. Damit wird die Bestimmung des Buches gleich genannt: wer’s nicht verschenkt, sollte es sich selbst schenken; so oder so ist ein vielleicht dröger Oh-Tannenbaum-Abend gerettet.

Denn man kann gar nicht mehr aufhören, darin zu blättern, zu schauen und zu lesen. Klaus Hoeltzenbein, Sport-Ressortleiter bei der SZ, hat alles hineingepackt, was man braucht: Fotos bunt und schwarz-weiß, Berichte lang und kurz, Statistiken und Ergebnisse, Aufstellungen und Portraits.

Es sind eben nicht nur Jubel-Trubel-Heiterkeit-Bilder, nicht nur die üblichen Spielszenen; die dürfen natürlich nicht fehlen und tun es auch nicht. Es sind nicht die gewohnten Fotostrecken, sondern vor allem sprechende Einzelbilder, welche die Bildredaktion gezielt ausgewählt hat. Zum Teil verbunden mit analysierenden Beschriftungen – etwa Messis Geniestreich (wenn’s denn einer war) bzw. Sololauf zum Einsnull gegen Iran vorbei an der gesamten iranischen Mannschaft; zum Teil als Infografiken, die hier und da an den richtigen Stellen im Buch Erhellendes verbreiten.

25 Autorinnen und Autoren waren am Werk (plus die zehn aus der SZ-WM-Redaktion); dementsprechend vielfältig sind die Beiträge. Von der Spielanalyse über Mannschafts- und Trainerporträts bis hin zu Reportagen über Land und revoltierende Leute wird nichts ausgelassen, was man zur vollständigen Rekapitulation dieser WM braucht. Inklusive kurze Rückblicke auf die vergangenen Turniere und – comic relief – einige bekannt-markante Guido-Schröter-Comics.

Mir persönlich sehr wertvoll: Ein sehr langes und aufschlussreiches Interview mit Thomas Tuchel zu Taktik, Trainern und Turnierverlauf; großartige, großformatige Nahaufnahmen von Spielern und Spielen; und last but not least – Per Mertesackers längst fälliger verbaler Tritt in den Hintern von Boris-Büchler, stellvertretend für alle Blödfrager.

Mit diesem Buch kann man noch einmal Weltmeister werden.

Klaus Hoeltzenbein (Hg.): 2014 Brasil. Die Weltmeisterschaft. Das Buch. München: Süddeutsche Zeitung Edition, 2014. 39,90 €

 


 

Leidenschaftliche Kartografie

Es gibt so viel zu sehen in Alois Gstöttners Bildern! Seine Fotografien stehen gleichberechtigt neben seinen Notizen, und beides vermag tatsächlich das einzulösen, was der Untertitel postmodern-großspurig tönend verspricht: eine Vermessung der nationalen Leidenschaft Fußball, wenn auch – wie könnte es anders sein – an ausgewählten Orten.

Gstöttners „Kartografie“ vermag mit dem zielsicheren Blick auf das Kleine, das scheinbar Nebensächliche und kaum ins Auge Fallende zu dokumentieren und in gewisser Weise erklärend zu unterfüttern, was DEN Fußball im Land Brasilien ausmacht.

Ob im Gespräch mit einem Várzeas-Schiedsrichter oder mit Sócrates, mit einer Schönheitskönigin beim Peladão-Wettbewerb oder schlicht Freizeitspielern und Anhängern – Gstöttner schafft es, selbst mittlerweile sattsam bekannten Themen neue Facetten zu öffnen. Nicht zuletzt eben auch durch seine Fotografien, in die man sich wieder und wieder genussvoll vertiefen kann, um dieses und jenes Neue zu entdecken.

Mag man ob des Preises etwas zögern – das Buch ist es wert. Aus ihm spricht die Leidenschaft, mit der der Autor eben diese brasilianische festgehalten hat. Ein exzellentes Bilderbuch, ein ungewöhnlich schönes Buch.

Alois Gstöttner: Gooool do Brasil. Kartografie einer nationalen Leidenschaft. Wien: Club Bellevue, 2014. € 24,00

 

 

Luiz Ruffato (Hg.):

     

Der schwarze Sohn Gottes. 16 Fußballgeschichten aus Brasilien

 

  

„Als gesichert gilt, dass der Fußball 1894 im Gepäck des englischstämmigen Charles Miller nach Brasilien kam […]. Es ist so gut wie unmöglich in Brasilien zu leben, ohne sich von den nicht endenden Diskussionen zu diesem Thema anstecken zu lassen, das heute Männer und Frauen gleichermaßen interessiert. Brasiliens Literaten jedoch hielten von jeher einen gewissen Abstand zu dem Thema, lehnten es ab, als Hauptmotiv sowieso, ja selbst als Nebenschauplatz.“ Mit diesem Kopfschütteln leitet Luiz Ruffato, 1961 in Caraguases geborener Autor, seine Sammlung von Kurzgeschichten ein. Fünfzehn Autorinnen und Autoren – ja, auch Autorinnen! – ganz unterschiedlicher Generationen, zwischen 62 und 33 Jahre alt, geben Kostproben „der territorialen und kulturellen Komplexität eines so großen und unfassbaren Landes“, und fürwahr: es ist fast durchwegs große Kulinarik.

Da stehen Kindheitserinnerungen und Fußballsozialisation neben Ballerlebnissen und Stadionbesuchen; Heldenverehrung neben politischer Geschichte; Moralisches neben Historischem. Besonders beeindruckend, weil in dieser Art und Form mir bislang noch nicht untergekommen, sind allerdings jene Geschichten, die sich mit den kleinen Menschen, nicht mit den Stars beschäftigen, die aus der brasilianischen Gesellschaft direkt heraus erzählen, was sowohl in Inhalt und Ton neu ist.

So die kurze Erzählung „Schlachthof“ von Ronaldo Correia de Brito: sie breitet eine sehr archaisch anmutende Welt aus, die Welt der Vorstädte, der kleinen Existenzen, des einfachen Lebens, und lässt einen Jungen zwischen Tierschlachtern und Fußballern aufwachsen. Lässt ihn eine Figur beschreiben, die aus der Mannschaft der Fleischhauer den Sprung in Profivereine versucht und scheitert. Weniger die Umstände als der Duktus begeistert: wie der Autor beide Welten zusammenzwingt, sprachlich, etwa in kurzen Reflexionen seines Protagonisten – „Donnerstags stiegen die Rinder die Rampe zum Schlachthof hinauf, und sonntags kamen die Spieler über sie in die Stadt herunter.“

Der längere Text „Raimundo und der Ball“ von Eliane Brum ist eine der stärksten Erzählungen des Bandes. Der Leser taucht unvermittelt ein in den brasilianischen Urwald, in die Ur-Bewohntheit, wo aus einem einst gut besiedelten Dorf nur eine Familie übrig geblieben ist, Vater Mutter Sohn Tochter. Letztere vermählt der Vater vor seinem Tod miteinander, fortan leben Raimundo und Raimunda – sprechende Namen beide – wie Mann und Frau, und Raimundo, „der jetzt ihrer war“ und an ihren Brüsten saugt, „als käme aus ihnen eine Milch, die seinen Hunger nach Welt stillte“, geht ein unheilvolles Bündnis mit einem Händler ein.

Dieser Händler, in ironischer Brechung ebenfalls mit Namen Raimundo, kommt von einer Welt, die den beiden Waldbewohnern weit weg zu sein scheint, die aber bedrohlich näher kommt. Zuerst durch einen Radioapparat, dem der Sohn regelrecht verfällt, genauer: er verfällt den Fußballreportagen. Denn von seinem Vater hat er einen alten Fußball vermacht bekommen, dessen Sinn und Zweck ihm bis dahin schleierhaft war. Nun will er mehr wissen über diesen Ball, über dieses Spiel, und schließt einen Pakt mit dem Teufel: der Händler vermittelt ihm einen Gast, der ihm das Fußballspielen beibringen wird.

Dieser Gast hat allerdings Dreck am Stecken – er ist auf der Flucht vor Kriminellen, ist selbst ein Krimineller, betört nicht nur Raimundo mit seinem Fußballwissen, sondern auch Raimunda, die von ihm schwanger wird. Es kommt zur Katastrophe: als Raimundo ein leibhaftiges Match in seinem Waldstück veranstaltet haben möchte, rauben und morden und brandschatzen die herbeigerufenen Gangster bis nichts mehr übrig ist vom Wilden, Ursprünglichen, Idyllischen und Unschuldigen.

Die Stimmen in dieser Erzählung sind Stimmen der Unschuld, von Menschen, die in ihrer Welt eingekapselt ein ganz eigenes Glück lebten, unberührt von dem, was als technischer Fortschritt weit weg von ihnen die Welt völlig verändert hat. Dieser Fortschritt bringt ihren Untergang – ihr Waldstück wird abgeholzt, der beurkundete Besitz wird ihnen entrissen: ein Sinnbild für das, was Brasilien historisch über sich ergehen lassen musste.

Herausragend auch die Geschichte, die dem Band den Titel gab, von Rogério Pereira, ein mehrstimmiger Gesang mit einem Spieler im Mittelpunkt, der am Ende seiner großen Karriere als Gelähmter im Rollstuhl dahinvegetiert, vom „Erlöser“ zum Pflegefall wird, ein Fall, der die erdabgewandte Seite des Fußballdaseins vor kindliche und später erwachsene Augen führt.

In seiner sprachlichen Lakonie und Präzision überrascht auch der Text von Carola Saavedra, die „§Die andere Seite des Spiels“ in knappen Sätzen seziert und direkt aus dem Innenleben eines Spielers zu kommen scheint (in dieser Ausgabe auf Seite XX nachzulesen mit freundlicher Genehmigung des Verlags).

Alles in allem ein mitreißendes Bändchen – die Verleger preisen ihr „literarisches Fußballbuch“ nicht zu Unrecht mit der Euphorie von Fußballfans.

Luiz Ruffato (Hg.): Der schwarze Sohn Gottes. 16 Fußballgeschichten aus Brasilien. Berlin: Assoziation A, 2013. € 16

 

Eduardo Sacheri:

         

Vier Jungs auf einem Foto

 

Drei Fußballschelme gegen den Rest der Transfer-Welt

Vier Jungs aus Buenos Aires kennen sich seit ihrer Kindheit. Zwei davon sind Brüder, einer davon, Alejandro, genannt Mono, macht nach Schule und Studium großes Geld als IT-Spezialist. Alle vier sind fußballvernarrt, alle vier sind trotz ihrer gegensätzlichen Charaktere die dicksten Freunde.

Diese Freundschaft gerät mächtig unter Druck, als Mono an Krebs stirbt, seiner kleinen Tochter, der ein Vermächtnis hinterlässt, das sich als verhängnisvoll entpuppt: Mono hat sein Vermögen in einen jungen Fußballer gesteckt, der mit der U-17 bereits unterwegs war und als großes Talent galt, mittlerweile aber bei einem drittklassigen Verein in der Provinz sein mehr oder weniger erbärmliches Dasein fristet.

Die Drei ziehen nun aus – eine moderne Form des Abenteuersuchens und –bestehens –  das Geld von Mono für dessen noch minderjährige Tochter zu retten; sie wollen den Spieler verkaufen, möglichst noch mit Gewinn. Aber als Spielerberater sind sie vollkommen unerfahren, haben als Rechtsanwalt, Lehrer und Waschstraßenbetreiber mit ganz unterschiedlichem Beruf der eine mehr, der andere weniger Erfolg, und wissen letztlich nicht, wie sie aus „ihrem“ Spieler einen Goldjungen machen können.

Mit gewagten Manövern schaffen sie es zumindest, den erfolglosen Stürmer zum beinharten Verteidiger umzuschulen, seinen Namen wieder auf den Jahrmarkt der Transfergeschäfte zu befördern, wenn auch zeitweise dabei Freund- in Feindschaft umschlägt, und allmählich Interessenten anzulocken.

Dabei verfolgen sie letztlich ein nobles Ziel – schließlich wollen sie das Geld nicht für sich retten. Am Ende findet sich eine spektakuläre und verblüffende Lösung – und die Freundschaft der drei Fußballnarren erweist sich als unverbrüchlich.

Eduardo Sacheri, bekannt durch seinen Debutroman „In ihren Augen“, der in der Filmfassung vor drei Jahren mit dem Oscar für den besten fremdsprachlichen Film geehrt wurde, hat einen wahrlich fesselnden Schelmenroman geschrieben, a page turner, wie der Engländer sagt, der sowohl in der Komposition besticht – viele Rück- und Zwischenblenden ergeben nach und nach ein stringentes Bild – als auch in der Charakterzeichnung: Fernando, Mauricio und Ruso sind Menschen mit Ecken, Kanten und Überzeugungen, zusammengehalten in ihrem Leben und Wirken durch ebendieses Vermächtnis ihres toten Freundes. Die glatte Übersetzung von Matthias Strobel macht das knapp 400-seitige Buch zu einem großen Lesevergnügen. (stefan erhardt)

Eduardo Sacheri: Vier Jungs auf einem Foto. Berlin: Bloomsbury 2013. € 19,99

 

 


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